DAS ÖFFMEM DER AUGEN
Nach R. S. Thomas

An jenem Tag sah ich das Licht vorübergehen
unter den dunklen Wolken übers Wasser,
da hörte ich die Stimme dieser Welt, wie sie sich aussprach.
Da wusste ich, wie schon zuvor:
Leben ist nicht ein flüchtiges Erinnern dessen, was gewesen ist;
nicht die verbliebenen Seiten eines großen Buches,
die noch darauf warten, gelesen zu werden.

Es ist das Öffnen lang verschlossener Augen.
Es ist der Blick auf ferne Dinge,
gesehen ob der Stille, die sie bergen.
Es ist das Herz, das sich nach Jahren
des heimlichen Gesprächs
laut in der klaren Luft verkündet.

Es ist Moses in der Wüste
der vor dem Dornbusch niederkniet.
Es ist der Mensch, der seine Schuhe fortwirft,
als wolle er zum Himmel schreiten
und dann voller Erstaunen feststellt,
dass er zuletzt geöffnet ist,
verliebt in diesen festen Grund.

- David Whyte


ALLES WARTET AUF DICH
Nach Derek Mahon

Dein großer Fehler ist, das Stück zu spielen,
als wärest du allein. Als wär‘ das Leben
ein fortwährendes, gerissenes Verbrechen,
ganz ohne Zeugen für die kleinen, heimlichen
Vergehen. Dich verlassen fühlen heißt, die Vertrautheit
deiner Umgebung zu verleugnen. Gewiss,
auch du fühltest zuweilen das große Aufgebot;
die schwellende Präsenz, den Chor, der deine Solostimme
übertönt. Du musst beachten,
wie die Seifenschale dich ermächtigt
und wie die Fensterklinke dir die Freiheit schenkt.
Aufmerksamkeit ist das verborgene Lehrfach
der familiären Nähe zu den Dingen.
Die Treppen sind der Mentor alles dessen,
was kommen wird, die Türen waren stets schon da,
um dich zu ängstigen und einzuladen,
ja, auch der kleine Lautsprecher im Telefon
ist deine Traumleiter zum Göttlichen.

Leg von dir all die Last der Einsamkeit, entspanne dich
in das Gespräch. Der Kessel singt,
selbst wenn er dir die Tasse füllt, die Kochtöpfe
haben ihre arrogante Zurückhaltung aufgegeben
und sehen schließlich all das Gute in dir. Alle Vögel
und Geschöpfe dieser Welt sind unaussprechlich nur
sie selbst. Alles wartet auf dich.

- David Whyte


FANG MIT DEM NÄCHSTEN AN

Fang mit dem nächsten an,
mach‘ nicht den zweiten Schritt
oder den dritten,
fang mit dem ersten an,
das eingeschlossen ist
in jenem Schritt,
den du nicht gehen möchtest.

Fang mit
dem Boden an,
der dir bekannt ist,
dem fahlen Boden
unter deinen Füßen:
dein eigener Weg,
um ins Gespräch
zu kommen.

Fang an mit deiner
eigenen Frage,
vergiss die Fragen
anderer Leute,
und lass nicht zu,
dass sie ersticken,
was einfach ist.

Um die Stimme
anderer zu hören,
folge deiner
eigenen Stimme,
warte ab,
bis diese Stimme
ein vertrautes
Ohr geworden ist,
das wahrhaft
eine andere
vernehmen kann.

Fang genau jetzt mit
einem kleinen Schritt an,
den du dein eigen nennen kannst,
und folge nicht
den Heldentaten anderer.
Sei demütig,
gesammelt,
fang mit dem Nächsten an,
verwechsele nicht
das andere
mit deinem eigenen.

Fang mit dem nächsten an
mach‘ nicht den zweiten Schritt
oder den dritten;
fang mit dem ersten an,
das eingeschlossen ist
in jenem Schritt,
den du nicht gehen möchtest.

- David Whyte


ZUWEILEN

Zuweilen,
wenn du dich sorgsam
durch den Wald bewegst,

atmend
so wie jene,
in den alten Sagen,

die ein schimmerndes
Bett trockenen Laubs
ohne Laut durchqueren konnten,

kommst du
an einen Ort
dessen einzige Aufgabe

darin liegt, dich mit
kleinen aber fürchterlichen
Ansinnen zu behelligen,

die du hier aus dem Nichts empfängst,
und die an diesem Ort beginnen,
dich überallhin fortzuführen.

Ansinnen, all das aufzugeben,
was gerade jetzt du tust
und

aufzuhören mit
dem, was du wirst,
solange du es tust;

Fragen,
die ein Leben
erschaffen und vernichten
können;

Fragen,
die geduldig längst
auf dich gewartet haben;

Fragen, die kein Recht haben,
fortzugehen.

- David Whyte


TILICHO LAKE

An diesem hohen Ort
      ist es schlicht so einfach:
            lass alles, was du weißt, zurück.

Schreite vor zum kalten See
      sprich das Gebet der groben Liebe
            und öffne deine Arme.

Die mit leeren Händen kommen,
      werden staunend in die Wasser blicken,
            dort, in dem kalten Licht,
                  das reinen Schnee bespiegelt,

die wahre Gestalt deines Gesichts.

- David Whyte

THE OPENING OF EYES
After R.S. Thomas

That day I saw beneath dark clouds,
the passing light over the water
and I heard the voice of the world speak out,
I knew then, as I had before,
life is no passing memory of what has been
nor the remaining pages in a great book
waiting to be read.

It is the opening of eyes long closed.
It is the vision of far off things
seen for the silence they hold.
It is the heart after years
of secret conversing,
speaking out loud in the clear air.

It is Moses in the desert
fallen to his knees before the lit bush.
It is the man throwing away his shoes
as if to enter heaven
and finding himself astonished,
opened at last, 
fallen in love with solid ground.

- David Whyte
from RIVER FLOW: New & Selected Poems
©Many Rivers Press


EVERYTHING IS WAITING FOR YOU
After Derek Mahon

Your great mistake is to act the drama
as if you were alone. As if life
were a progressive and cunning crime
with no witness to the tiny hidden
transgressions. To feel abandoned is to deny
the intimacy of your surroundings. Surely,
even you, at times, have felt the grand array;
the swelling presence, and the chorus, crowding
out your solo voice. You must note
the way the soap dish enables you,
or the window latch grants you freedom.
Alertness is the hidden discipline of familiarity.
The stairs are your mentor of things
to come, the doors have always been there
to frighten you and invite you,
and the tiny speaker in the phone
is your dream-ladder to divinity.

Put down the weight of your aloneness and ease into
the conversation. The kettle is singing
even as it pours you a drink, the cooking pots
have left their arrogant aloofness and
seen the good in you at last. All the birds
and creatures of the world are unutterably
themselves. Everything is waiting for you.

- David Whyte
from Everything is Waiting for You & River Flow
©2003 Many Rivers Press


START CLOSE IN

Start close in,
don't take the second step
or the third,
start with the first
thing
close in,
the step
you don't want to take. 

Start with
the ground
you know,
the pale ground
beneath your feet,
your own
way to begin
the conversation.

Start with your own
question,
give up on other
people's questions,
don't let them
smother something
simple.

To hear
another's voice,
follow
your own voice,
wait until
that voice

becomes a
private ear
that can
really listen
to another.

Start right now
take a small step
you can call your own
don't follow
someone else's
heroics, be humble
and focused,
start close in,
don't mistake
that other
for your own. 

Start close in,
don't take
the second step
or the third,
start with the first
thing
close in,
the step
you don't want to take.

- David Whyte
from RIVER FLOW: New & Selected Poems
©2006 Many Rivers Press


SOMETIMES

Sometimes
if you move carefully
through the forest,

breathing
like the ones
in the old stories,

who could cross
a shimmering bed of leaves
without a sound,

you come
to a place
whose only task

is to trouble you
with tiny
but frightening requests,

conceived out of nowhere
but in this place
beginning to lead everywhere.

Requests to stop what
you are doing right now,
and

to stop what you
are becoming
while you do it,

questions
that can make
or unmake
a life,

questions
that have patiently
waited for you,

questions
that have no right
to go away.

- David Whyte
from Everything is Waiting for You & River Flow
©2003 Many Rivers Press


TILICHO LAKE

In this high place
      it is as simple as this,
            leave everything you know behind.

Step toward the cold surface,
      say the old prayer of rough love
            and open both arms.

Those who come with empty hands
      will stare into the lake astonished,
            there, in the cold light
                  reflecting pure snow

the true shape of your own face.

- David Whyte
from RIVER FLOW: New & Selected Poems
©Many Rivers Press